"Train your gut." Muss der Darm im Ausdauersport trainieren?
Katja Mangold
Beine trainiert, Ausdauer trainiert, Kopf sowieso. Und dann rumoren nach drei Stunden ausgerechnet Magen und Darm. Warum dein Verdauungssystem bei langen Einheiten mittrainieren muss und wie du ihm das in Ruhe beibringst.
Ja, der Darm lässt sich trainieren, allerdings in Grenzen. Wer regelmäßig unter Belastung isst und trinkt, verträgt seine Verpflegung meist besser. Entscheidend sind eine Basis-Ernährung mit genug Kohlenhydraten, kleine Schritte im Training und eine Strategie, die zu dir passt statt zu Profi-Zahlen.
Verträglich schlägt maximal
Im Profisport werden heute teils 120 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde und mehr aufgenommen. Das ist das Ergebnis von monatelangem, eng begleitetem Training und kein Maßstab für die Sonntagsrunde. Für die meisten Ausdauersportlerinnen und -sportler liegen die üblichen Richtwerte je nach Dauer und Intensität deutlich darunter.
Für dich zählt deshalb etwas anderes:
Optimal ist nicht, was reingeht.
Optimal ist, was drinbleibt und ankommt.
Was du gut verträgst, bleibt sicher drin, macht keine Magen-Darm-Probleme und erzeugt weniger Stress. Und Stress ist ein gutes Stichwort: Im Wettkampf kommen häufig Aufregung und Nervosität dazu, und die wirken zusätzlich auf die Verdauung. Wer eine Routine hat, die im Training entspannt funktioniert, hat am Renntag eine Sorge weniger.
Wenn der Darm nicht mitspielt
Völlegefühl, Übelkeit, Krämpfe oder der dringende Wunsch nach der nächsten Toilette: In Gesprächen mit Radsportlerinnen, Läufern und Triathletinnen wird das häufiger berichtet, als man denkt. Meist dann, wenn es gerade wichtig wird. Und die beste Wattzahl hilft wenig, wenn der nächste Sprint zum Dixi führt.
Der Grund ist schnell erklärt. Unter Belastung fließt ein großer Teil des Blutes in die arbeitende Muskulatur und zur Haut, damit du Leistung bringst und Wärme loswirst. Für die Verdauung bleibt weniger übrig. Gleichzeitig soll aber genau jetzt Energie aus Flasche, Gel oder Riegel durch Magen und Dünndarm ins Blut. Je höher die Intensität, je wärmer der Tag und je weniger du trinkst, desto eher kommt dieses System an seine Grenzen.
Beim Laufen kommt die Erschütterung dazu, deshalb haben Läuferinnen und Läufer im Schnitt häufiger Magen-Darm-Probleme. Auf dem Rad drückt dafür die gebeugte Sitzposition auf den Bauch, vor allem in einer tiefen Aero-Haltung. Und im Triathlon gibt es beides hintereinander.
Die gute Nachricht: Häufig ist dein Darm nicht empfindlich. Er ist nur ungeübt.
Das betrifft übrigens nicht jede Feierabendrunde. Relevant wird Train your gut, wenn du regelmäßig lange oder intensiv unterwegs bist und dabei Kohlenhydrate nachführen willst: lange Ausfahrten, Marathon, Langdistanz, Gravel- oder Radmarathon-Events.
Darüber habe ich auch mit Tim Farin gesprochen – für „Asphalt und Köpfchen“, den Radsport-Newsletter der Apotheken Umschau. Beitrag lesen →
Die Basis-Ernährung trainiert mit
Ein Punkt wird gern übersehen: Dein Darm lernt nicht nur auf dem Rad oder der Laufstrecke. Kohlenhydrate werden im Dünndarm über spezielle Transporter aufgenommen. Wer sich dauerhaft sehr kohlenhydratarm ernährt und dann im Training oder Wettkampf plötzlich Gels und Riegel einwirft, stößt deshalb häufig an Grenzen. Die Transporter sind dann möglicherweise nicht ausreichend ausgebildet und trainiert.
Meine Empfehlung: Auch die Basis-Ernährung sollte genug Kohlenhydrate enthalten, damit dein Darm es gewohnt ist, sie in nennenswerten Mengen zu verarbeiten. Was du auf dem Rad verträgst, entscheidet sich vielleicht schon am Frühstückstisch.
Wie sicher ist das? Dass sich die Transporter an das Kohlenhydratangebot anpassen, zeigen vor allem Tierstudien. Beim Menschen ist gemessen, dass zugeführte Kohlenhydrate nach einigen Wochen hoher Zufuhr besser verwertet werden. Die Transporter selbst wurden dabei nicht direkt untersucht, der Mechanismus ist also gut begründet, aber nicht im Detail belegt.
Zwei Zucker, zwei Eingänge
Glukose und Fruktose nehmen unterschiedliche Wege durch die Darmwand. Stell dir zwei Eingänge zu einem Konzert vor: Wenn alle durch dasselbe Tor wollen, gibt es Stau. Öffnest du ein zweites Tor, kommen insgesamt mehr Leute rein. Deshalb enthalten viele Sportprodukte eine Mischung aus beiden Zuckerarten.
Gängig sind Verhältnisse von 2:1 (doppelt so viel Glukose wie Fruktose) oder 1:0,8 (fast gleich viel). Welches dir besser bekommt, ist individuell. Teste deshalb, was dir in welchem Umfang noch gut bekommt, und probiere ruhig verschiedene Produkte aus. Manchmal verträgt man das eine deutlich besser als das andere, obwohl auf beiden fast dasselbe draufsteht.
- Fruktose-Malabsorption
- Der Darm kann nur eine begrenzte Menge Fruktose aufnehmen. Wird mehr zugeführt, gelangt der Rest in den Dickdarm und kann dort Blähungen, Bauchschmerzen oder Durchfall auslösen. Die Unverträglichkeit hängt also von der Menge ab, und die Grenze ist individuell sehr verschieden. Nicht zu verwechseln mit der ‚echten‘ Fruktoseintoleranz (hereditäre Fruktoseintoleranz, HFI). Sie ist angeboren, selten und eine Stoffwechselerkrankung, die in ärztliche Hände gehört.
Und noch ein Tipp aus der Praxis: Schau auch auf die Zusatzstoffe. Zuckeraustauschstoffe wie Sorbit oder Maltit, zugesetzte Ballaststoffe oder Koffein vertragen manche schlecht. Dann liegt es gar nicht an den Kohlenhydraten selbst, sondern am Kleingedruckten.
Riegel-Typ oder Gel-Typ?
Ob dir Riegel oder Gels besser liegen, ist sehr individuell. Manche brauchen Substanz im Mund und im Magen, das sind eher die Riegel-Typen. Andere möchten möglichst wenig im Bauch haben und kommen mit Gels, Chews, Gums oder einem Kohlenhydratgetränk besser zurecht. Beim Laufen und bei hoher Intensität landen viele automatisch bei der flüssigen oder halbflüssigen Variante, weil Kauen bei hohem Puls schlicht unpraktisch ist.
Wer Sportprodukte nicht verträgt oder nicht möchte, kann auf Alternativen wie Trockenobst, Gummibärchen oder Reiskuchen ausweichen. Aber Achtung: Verträglicher sind die nicht automatisch. Trockenobst zum Beispiel enthält häufig viel Fruktose, teils Sorbit und dazu Ballaststoffe. In der Summe kann genau das Magen-Darm-Probleme verursachen.
Unterschätzt wird außerdem der Geschmack. Vorlieben und No-Gos sind sehr individuell, und unter starker Belastung kann eine bestimmte Geschmacksrichtung zum K.-o.-Kriterium werden. Zitrone wirkt bei Hitze für viele frischer als Mango oder Erdbeere. Wer zwischen verschiedenen Geschmäckern wechselt, beugt außerdem dem Überdruss vor. Nach vier Stunden schmeckt selbst die Lieblingssorte irgendwann nicht mehr.
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So gehst du es an
Verpflegung ist kein Notfallplan. Sie ist Teil des Trainings. So baust du sie ein:
- Früh anfangen. Train your gut braucht Wochen, nicht zwei Ausfahrten. Starte also nicht erst kurz vor dem Saisonhöhepunkt.
- Klein starten, schrittweise steigern. Beginne mit einer Menge, die du sicher verträgst, und erhöhe erst, wenn das gut klappt.
- Im Training testen, nicht im Wettkampf. Timing, Art und Menge gehören in lange Trainingseinheiten, am besten auch in solche mit Wettkampftempo. Verpflegung musst du einlaufen wie neue Schuhe, und zwar vor dem Marathon, nicht währenddessen.
- Eine Stellschraube nach der anderen. Neues Gel, neuer Geschmack und neue Menge gleichzeitig? Dann weißt du hinterher nicht, was gewirkt hat.
- Carbo-Loading im Kleinformat ausprobieren. Wer vor einem Wettkampf die Speicher auffüllen will, sollte das vorher einmal testen. Die ungewohnte Menge und der Wegfall von Ballaststoffen können ungeahnte Effekte haben.
- Trinken nicht vergessen. Ohne ausreichend Flüssigkeit kann dein Körper die Kohlenhydrate schlechter verarbeiten, und Beschwerden werden wahrscheinlicher.
- Aufschreiben. Halte schriftlich fest, was funktioniert hat und was nicht: Produkt, Menge, Zeitpunkt, Bauchgefühl. Ideal sind auch Temperatur und Intensität. So erkennst du Muster, etwa dass ein Produkt nur bei Hitze Probleme macht.
Probieren. Protokollieren. Profitieren.
In der Beratung erlebe ich übrigens immer wieder: Das Training lief nach Plan, die Verpflegung auch. Am Renntag kommt dann das Gel aus dem Startbeutel oder von der Verpflegungsstelle dazu, das vorher nie getestet wurde. Ein Blick auf das Verpflegungsangebot des Veranstalters lohnt sich deshalb schon Wochen vorher. Denn das Motto lautet: Nichts Neues am Renntag – außer vielleicht einer Bestzeit.
- Nicht die maximale Menge ist optimal, sondern die, die zuverlässig gut vertragen wird.
- Der Darm passt sich an regelmäßige Kohlenhydratzufuhr unter Belastung an, vor allem die Verträglichkeit profitiert.
- Eine Basis-Ernährung mit genug Kohlenhydraten ist die Grundlage, dauerhaft Low Carb erschwert die Versorgung im Wettkampf.
- Glukose-Fruktose-Verhältnis, Zusatzstoffe, Form und Geschmack entscheiden mit, und alles davon ist individuell.
- Getestet wird im Training, schrittweise, mit ausreichend Flüssigkeit und schriftlich dokumentiert.
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Grenzen: Die Forschung zum Darmtraining stammt überwiegend von gesunden, gut trainierten Sportlerinnen und Sportlern. Bei Vorerkrankungen wie Diabetes, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Reizdarm oder Unverträglichkeiten stimmst du deine Strategie bitte ärztlich ab. Wiederkehrende Beschwerden, auch ohne Sport, gehören ärztlich abgeklärt.
- Jeukendrup AE. Training the Gut for Athletes. Sports Med 2017; 47 (Suppl 1): 101–110.
- Cox GR et al. Daily training with high carbohydrate availability increases exogenous carbohydrate oxidation during endurance cycling. J Appl Physiol 2010; 109: 126–134.
- Jeukendrup AE. A step towards personalized sports nutrition: carbohydrate intake during exercise. Sports Med 2014; 44 (Suppl 1): S25–S33.
- Rowlands DS et al. Fructose-glucose composite carbohydrates and endurance performance: critical review and future perspectives. Sports Med 2015; 45: 1561–1576.
- Costa RJS et al. Systematic review: exercise-induced gastrointestinal syndrome – implications for health and intestinal disease. Aliment Pharmacol Ther 2017; 46: 246–265.